Die Lukas-Weißhaidinger-Story

In der Weltklasse angekommen

Sein Name: Lukas Weißhaidinger
Beruf: Diskuswerfer
Alter: 28 Jahre
Größe: 1,96 m
Gewicht: 150 kg
(Hochgestecktes) Ziel: nach EM- und WM-Bronze jetzt auch eine Olympia-Medaille!


Selbsteinschätzung: „Ich bin kein Talent mehr, sondern endgültig in der Weltklasse angekommen“, sagt der Oberösterreicher. Ein Vorzeige-Athlet mit Gardemaßen. Ehrgeizig und zielstrebig. „Spätestens seit Rio 2016 weiß ich, dass ich mit den Besten mithalten kann.“ Coach Gregor Högler meint: „Luki ist nicht umsonst die Nummer 3 der Weltrangliste. Seine Bestmarke liegt über jener des Rio-Olympiasiegers. Er hat definitiv das Zeug für eine Olympia-Medaille 2021 in Tokio!“

Gleich nach dem 6. Platz bei den Olympischen Sommerspielen in Rio hat das Erfolgs-Duo ein neues Trainingsgerät entwickelt. 600 Kilogramm schwer, aus Edelstahl. Maßgeschneidert für den ÖLV-Rekordhalter. KTG heißt es, Kraft-Trainings-Gerät. Klingt unspektakulär, aber es wirkt… Mit der Maschine kann Weißhaidinger eigentlich nichts falsch machen. Die Bewegung ist vorgezeichnet, der Winkel exakt vorgegeben. Und das Wichtigste: Man muss nicht erst den Diskus nach dem Wurf wieder einsammeln. Alles geht sehr schnell. In nicht einmal 2 Minuten hat Lukas 10 Würfe simuliert. Der Stahl-Schlitten, der dem Diskus nachempfunden ist, schlägt krachend am Ventil auf, wird langsam zurückgestoßen. Der Athlet behält die Hand am Schlitten… Vor und zurück. Wurf um Wurf.

Fernziel: ein 70-m-Wurf

Wenn Lukas Weißhaidinger Freitagnachmittag von Wien ins heimatliche Innviertel heimkehrt, dann führt sein Weg an der LA-Anlage des Turnvereins Taufkirchen vorbei. Ein Sportplatz, der für eine Marktgemeinde mit knapp 3.000 Einwohnern fast überdimensioniert wirkt. Ein idealer Platz für Kinder und Jugendliche, mit der Leichtathletik erste Bekanntschaft zu schließen. Aber längst zu klein für einen, der von 70-Meter-Würfen träumt. Zum ÖTB Taufkirchen kam Lukas mit neun Jahren und wurde behutsam in die Kraft-Disziplinen der Leichtathletik eingeführt. „Dass ich kein 1.500-m-Läufer werden würde, war allen schnell klar.“


Zum Schlüsselerlebnis wurde der erste Wettkampf in Schärding, im zarten Alter von 13 Jahren. Klein-Luki, der im Verhältnis zu seinen Klassenkameraden bereits ziemlich groß und kräftig war, warf die Kugel auf 12 Meter und holte sich damit nicht nur den ersten Pokal seiner Karriere, sondern im Vorbeigehen auch den OÖ-Landesrekord. „Gewinnen hat mir auf Anhieb gefallen. Wie bei den meisten Kindern, die Erfolgserlebnisse verbuchen können, bin ich dabei geblieben“, erinnert sich Lukas.  In jenen Sommertagen bekam er dann auch zum ersten Mal den Diskus in die Hand gedrückt.


Von 70 Metern war damals (noch) keine Rede. Aber genauso wie Monat für Monat die Weiten zunahmen, wurden auch die Anlässe zusehends größer. Mit 17 machte der Name Weißhaidinger erstmals international die Runde, als er im finnischen Tampere 2 x Gold bei den Europäischen Jugendspielen gewann (Kugelstoßen, Diskuswerfen). 2011 folgte in Tallinn (Rus) der U-20-Titel mit dem Diskus. Damals träumte er von Erfolgen in der allgemeinen Klasse, durfte sich vereinzelt schon mit Weltklasse-Athleten messen. „Jetzt zähle ich selbst zur Weltelite und weiß, dass ich mit den Besten mithalten kann.“ Obwohl der Oberösterreicher nach einem Mittelfußknochenbruch im Vorfeld wochenlang nur sehr eingeschränkt trainieren konnte. „Dafür bin ich dann so richtig explodiert!“ Während seine Gegner nach Rio erschöpft und ausgelaugt wirkten, zeigte sich der wiedergenesene „Lucky Luki“ zum Saisonfinale von seiner besten Seite, belegte in der Diamond League in Brüssel Rang drei, gewann anschließend sogar das prestigeträchtige ISTAF-Meeting in Berlin. „Gegen alle Kaliber!“

In Berlin klappte es dann auch 2018 bei der EM. Der österreichische Rekordhalter holte Bronze - die erste ÖLV-Männer-Medaille seit 1990 (Hermann Fehringer, Stabhochsprung). "Mit einer Medaille wirft es sich bekanntlich besser", sagt Coach Gregor Högler. „Jeden Tag noch besser werden, möglichst viele WM- und Olympia-Medaillen holen und möglichst lange in der Weltklasse mitwerfen, am besten noch mit 35“, meint Lukas Weißhaidinger und lächelt.

In Doha musste der Weltranglisten-Dritte mächtig zittern, stieg gerade noch als Zwölfter ins WM-Finale auf. Sein normaler Wettkampf-Diskus wurde nicht zugelassen, der 27-Jährige musste mit einem Ersatz-Diskus werfen. Im Finale klappte alles nach Wunsch: Der EM-Dritte warf drei Würfe über 66 Meter, am Ende gewann er Bronze. Jetzt hat er schon zwei Medaillen. Fehlt nur noch Edelmetall in Tokio...

 

5 Fragen an Lukas Weißhaidinger:

  • Was bedeuten Dir die Olympischen Spiele?

Ich habe 2018 bei der Leichtathletik-EM in Berlin meine erste Medaille in der allgemeinen Klasse bei einem Großereignis geholt, ein Jahr später dann auch WM-Bronze in Doha. Was mir jetzt noch fehlt ist eine Olympia-Medaille. Die will ich 2021 in Tokio holen. Dafür wird man, so glauben mein Trainer und ich, 70 Meter werfen müssen. Anders gesagt: Olympia erlebst du als Leichtathlet vielleicht ein einziges Mal in deiner Karriere, wenn du als Leichtathlet Glück hast bis zu drei, vier Mal. Das ist der wichtigste Wettkampf, das Nonplusultra.

 

  • Wie kann man sich eine Olympiade, Deinen Weg zu den Olympischen Spielen vorstellen?

Mein Trainer hat eigentlich am Tag nach dem Olympia-Finale in Rio, als ich Sechster wurde, mit der Planung für Tokio begonnen. Im Schnitt dauert eine Saisonvorbereitung 30 Wochen. D.h. für die (verschobenen) Sommerspiele hat Gregor (Högler, mein Coach) 150 Wochen durchgeplant. Uns war klar: Wenn ich in Tokio eine Medaille holen will, dann muss bald die erste internationale Medaille her. Es ist sicher leichter bei Olympia ganz vorne zu sein, wenn du das Gefühl schon kennst, auf dem Stockerl zu stehen. Für dieses Gefühl, diesen Moment trainiere ich! In Berlin 2018 habe ich EM-Bronze geholt, seit damals weiß ich: Ich habe definitiv das Zeug dazu, eine Olympia-Medaille zu holen.

 

  • Was ist Deine erste olympische Erfahrung (als Kind oder Jugendlicher)?

Es war der September 2000: Ich war acht Jahre alt und habe erstmals bewusst Olympische Sommerspiele im Fernsehen verfolgt. Die Spiele 2000 in Sydney. Das Olympia-Stadion fasste 120.000 Zuschauer. Die Leichtathletik-Bewerbe haben mich fasziniert und da besonders die Wurfbewerbe mit den starken Männern. Ich bin stundenlang vor dem Fernseher gesessen und dachte mir: Wow! Das ist cool, bei so einem Event will ich auch einmal dabei sein. Sieben, acht Jahre später, ich habe damals schon österreichische Nachwuchs-Meisterschaften bestritten, haben mir Kollegen erzählt, dass es bei Olympischen Spielen im Athletendorf einen McDonalds gibt, wo man als Sportler nichts zahlen muss. Ich habe es anfangs nicht ganz glauben wollen. Seit Rio 2016 weiß ich: Es stimmt und es ist lustig, dass die Schlange immer länger wird, je länger die Spiele dauern. Als Athlet stellt man sich in der Regel erst bei McDonalds an, wenn man den Wettkampf schon hinter sich hat. Wir Leichtathleten sind erst in der zweiten Olympia-Woche an der Reihe, d.h. wir müssen ziemlich lange warten. Ich habe mir, bei meinem ersten Besuch, natürlich einen Salat bestellt, aber nicht nur…

 

  • Welche Erfahrungen hast Du im Zuge von Olympischen Spielen gemacht?

Ich war bei McDonalds, habe gratis gegessen. Nein, im Ernst: An einem meiner ersten Tage im Athletendorf in Rio bin ich vom Training zurück ins Olympische Dorf, ein paar Meter neben unserem Quartier war ein Tennisplatz. Normalerweise war der Platz leer, doch diesmal haben sich zwei Spieler eingeschlagen. Bei genauerem Hinschauen war schnell klar: Ein Spieler kommt mir bekannt vor: Es war Novak Djokovic himself. Den kannte ich bislang nur aus dem Fernsehen. Einerseits ein richtiger Superstar, den man auf der ganzen Welt kennt, andererseits aber auch einer von 11.300 Olympia-Teilnehmern wie ich. Das ist für mich das Besondere an Olympischen Spielen.

 

  • Man sagt, Sport sei die beste Schule – was hast Du vom Sport gelernt?

Als Sportler lernst du schnell mit Niederlagen umzugehen. Nicht einmal die ganz Großen bleiben vor Rückschlägen verschont. Das Erfolgsrezept klingt einfach: Alles, was du im Sport erreichst, musst du dir hart erarbeiten. Ich habe in der Leichtathletik-Szene großartige Typen kennengelernt wie den Dreisprung-Olympiasieger Christian Taylor oder Kugelstoß-Weltmeister Joe Kovacs, beides Amerikaner. Die sind in ihrer Disziplin die Besten der Welt, absolute Ausnahmekönner. Aber sie treten ganz normal auf, wie Du und ich, sind bescheiden und eigentlich (fast) immer gut drauf. Beiden merkt man an, dass sie dankbar sind, ihr Hobby zum Beruf gemacht zu haben. Was gibt es Schöneres?